Theaterstücke

„Sich übergebende Unpaarhufer“, 2011

– Tom hat die Einladung geschickt.
– Welche Einladung?
– Welche Einladung? Worüber haben wir denn gestern geredet?
– Ach so, die Einladung. Und?
– Ja, ist schön. Halt kitschig, aber ist ja klar.
– Wann ist das genau?
– Am sechzehnten Mai. Hab schon geschaut, du hast keine Vorstellung.
– Ja, cool. Dann gehen wir da hin. Freibier!
– Was die wohl anzieht?
– Na ja, ein Kleid.
– Ja, eher vielleicht ein Zelt.
– Stimmt.
– Irgendwie peinlich.
– Find ich nicht. Ich würd dich auch heiraten, wenn du schwanger wärst.
– Was?
– Du weißt, wie ich das meine. Die wollen halt eine Familie sein.
– Aber dann denken doch alle, die heiraten jetzt nur, weil sie schwanger ist.
– Na und.
– Also ich will aus Liebe heiraten.
– Ja, aber die lieben sich doch.
– Aber das denkt doch niemand.

 

„Weil wir vergessen wer wir“, 2012

Thomas: Wer ist die Frau zwischen uns auf dem Foto?

Monika: Das ist Susanne.

Thomas: Wer ist das?

Monika: Sie war deine Freundin.

Thomas: Ja, sie war meine Freundin. Bist du traurig auf dem Foto?

Monika: Nein, es ist doch dein Geburtstag.

Thomas: Du siehst traurig aus. Wie Anne, wenn ich ihr ihre Puppen wegnehme. Wo ist Anne?

Monika: Deine Schwester Anne?

Thomas: Ja, Anne ist immer traurig, wenn ich ihr ihre Puppen wegnehme. Deshalb hat Mama gesagt, dass ich das lassen soll. Und jetzt mache ich es nicht mehr. Oder nur noch ganz selten, wenn sie böse zu mir ist. Wo ist Anne?

Monika: Thomas, Anne ist vor zehn Jahren an Krebs gestorben.

Thomas: Anne ist tot?

Monika: Ja, es wurde sehr spät entdeckt und sie hat nicht sehr lange gelitten. Es war trotzdem schlimm für uns alle. Vor allem für die Jungs. Sie war ja erst fünfundsechzig.

Thomas: Anne ist tot. Und die Jungs sind sehr traurig.

Monika: Na ja, jetzt geht es ihnen wieder besser. Das ist zehn Jahre her.

Thomas: Richtig.

Monika: Manuel ist Arzt geworden, Zahnarzt. Und Christian ist Kindergärtner. Sie sind sehr nette Jungs. Sie kommen dich manchmal besuchen.

Thomas: Ja, ständig kommen sie mich besuchen.

Monika: Manchmal, ja.

Thomas: Bist du das hier auf dem Foto? Das ist mein Radio.

Monika: Ja, das ist das Radio, das bei dir auf dem Zimmer steht.

Thomas: Du siehst traurig aus auf dem Foto.


„Sich übergebende Unpaarhufer“, 2011

In den sechs Jahren, seit ich Christina kenne, hab ich drei andere Frauen geküsst und mit einer von ihnen geschlafen. Ich bin nicht stolz darauf. Ich schäme mich dafür. Manchmal schäme ich mich vor mir selbst allerdings auch nicht. Das kann ich zugeben. Das Leben ist zu kurz, um die Momente, die man mit Menschen teilen kann, nicht zu genießen. Wer weiß, ob diese Menschen am nächsten Tag nicht von einem Bus überfahren… Ich bin nicht stolz darauf. Ich habe Christina von diesen Ausrutschern nichts erzählt. Sie könnte es nicht verstehen und es würde sie nur unnötig verletzen. Die anderen Frauen bedeuten mir nichts. Oder sie bedeuten mir zumindest nicht im Entferntesten das, was sie mir bedeutet. An so etwas zerbricht keine Beziehung.
Ich finde auch, dass es einen Unterschied gibt zwischen Knutschen und Sex. Ich lege es nie darauf an, in diese Situationen zu kommen, aber wenn ich in solche Situationen komme, dann würde ich nie mit der anderen Frau schlafen. Also nie stimmt natürlich nicht. Wie gesagt, mit einer Frau habe ich geschlafen, aber das hat mir nur wochenlang ein schlechtes Gewissen gemacht und mir eigentlich mehr Ärger gemacht als sonst was. Es war eine Kollegin von mir. Ich mochte sie, ich mag sie noch immer, aber ich habe keine Lust mehr, ihr jeden Tag auf den Proben zu begegnen. Das erinnert mich nur daran, was ich getan habe. Und es hat auch immer einen Hauch von Gefahr, dass das noch mal passieren könnte. Das kann auf keinen Fall noch mal passieren.

Rike ist auch in einer festen Beziehung und sie sieht das mit uns ähnlich wie ich: es ist eben passiert, aber im Grunde bereuen wir es – zumindest für unsere Partner tut es uns unendlich leid und wir werden das auf keinen Fall wiederholen. Reue und schlechtes Gewissen sind auch zwei unterschiedliche Dinge. Ein schlechtes Gewissen habe ich, aber ich finde es mir selbst gegenüber immer verlogen von Reue zu sprechen, wenn man eigentlich eine wunderschöne Nacht zusammen hatte. Und das war eine wunderschöne Nacht. Aber ich liebe meine Freundin.

Also eigentlich habe ich zweimal mit Rike rumgemacht. Das erste Mal haben wir nur geknutscht und beim zweiten Mal haben wir erst miteinander geschlafen. Schon das beunruhigt mich. Mir ist das noch nie zweimal hintereinander passiert. Ich glaube, das liegt an Rike. Sie lässt es darauf ankommen. OK, ich lasse es auch oft darauf ankommen, aber ich weiß eigentlich, wo meine Grenzen sind. Und Sex war bisher auf jeden Fall eine Grenze für mich. Aber es war so schön mit ihr. Ich war natürlich total betrunken. Aber das ist auch nur eine dumme Ausrede. Wenn Christina mir gegenüber jemals so eine dumme Ausrede gebrauchen würde, würde ich mir gedemütigt vorkommen. Wenn man noch Sex haben kann, kann man gar nicht zu betrunken sein. Koma wäre eine Ausrede. Aber Christina würde so etwas wahrscheinlich nie tun. Und falls doch, will ich es nicht wissen.


„Weil wir vergessen wer wir“, 2012

Monika: Ich wollte das Kind am Anfang nicht, aber dann hab ich es… ich hab es akzeptiert.
Ich mochte den Gedanken plötzlich, Mutter zu sein.

Thomas: Mutter?

Monika: Ja, Mutter zu sein. Ich war auf deiner Hochzeit schwanger, weißt du noch?

Thomas: Du warst schwanger.

Monika: Ja, und Karl war so glücklich. Wir waren das glücklichste Paar der ganzen Hochzeit – also abgesehen von euch beiden natürlich. Und alle haben schon was geahnt, weil ich keinen Alkohol trinken durfte und schon einen winzigen Bauch hatte.

Thomas: Und dann hast du das Kind getötet.

Monika: Thomas, ich geh jetzt.

Thomas: Wohin?

Monika: Nach Hause.

Thomas: Ich wohne in der Blumenstraße.

Monika: In der…? Da haben deine Eltern gewohnt! Das war dein Elternhaus.

Thomas: Ich kann mir manchmal Dinge sehr schlecht merken. Warum weinst du?

Monika: Du hast mich sehr verletzt.

Thomas: Ich hab dich geschlagen? Ich… Das tut mir… Ich würde dich nie schlagen.

Monika: Nein. Du… du hast gesagt, ich hätte mein Kind getötet. Ich weiß… Thomas, ich
weiß, dass du dir manchmal Sachen schlecht merken kannst.

Thomas: Hast du dein Kind getötet?

Monika: Nein. Aber es ist gestorben.

Thomas: Johannes ist gestorben?

Monika: Du erinnerst dich an Johannes? Nein, Johannes lebt noch. Mein erstes Kind ist
gestorben. Also ich hab es verloren, als ich im dritten Monat war. Die Ärzte sagten, das kommt selten vor, dass es noch so spät passiert. Ganz selten. Statistisch, sagten die Ärzte, kommt das kaum vor. Aber es kam vor. Ich hab mein Kind verloren.

Thomas: Das muss ganz schrecklich für dich gewesen sein!

Monika: Ja, war es. Aber du warst für mich da…

Thomas: Ich war da?

Monika: Ja.

Thomas: Als dein Kind gestorben ist?

Monika: Nein. Aber du warst der erste Mensch, dem ich es erzählt habe. Ich bin von der
Klinik direkt zu dir gefahren. Vielleicht hätte ich zu Karl fahren sollen… ich weiß es nicht. Aber ich bin zu dir. Christa war nicht da.


„Die Wahrheit“, 2009

Kleiner Beamter (tritt auf): Was tun sie hier?

Mann (springt auf): Wir… (schaut hilfesuchend das Mädchen an)

Mädchen: Fragen uns gerade, ob ihre Uniform durch ein paar
bunte Farbklekse noch optisch aufgewertet werden kann oder ob sie bereits den Zenit der absoluten Schönheit überschritten hat?

Kleiner Beamter (entrüstet): Soll das eine Amtsbeleidigung sein?

Mann (sieht das Mädchen panisch an)

Mädchen (im Aufstehen): Nicht wissentlich.

Kleiner Beamter (zieht schnaubend seinen weißen Notizblock und
schreibt mit seinem weißen Stift): Nicht-wissentliche Amtsbeleidigung.

Mädchen: Fühlen sie sich beleidigt?

Mann: Das meint sie nicht so. Wir wollten eh gerade gehen… und… (er versucht sie wegzuziehen)

Mädchen (bleibt stehen).

Kleiner Beamter: Dürfte ich ihre Arbeitsnummer erfahren? (er entdeckt die Rose) Was ist das???

Mädchen: Ein Geschenk.

Kleiner Beamter: Von wem erhalten?

Mädchen schaut mit großen Augen in die Richtung des Mannes.

Kleiner Beamter: So, dürfte ich dann bitte auch ihre Arbeitsnummer erfahren? (er schreibt) Erregung öffentlichen Ärgernisse durch Verteilung bunter Propaganda. (er reißt dem Mädchen die Blume aus der Hand, zückt eine Schere und schneidet das Grüne ab, dann gibt er ihr die Blume zurück).

Mädchen will den Stiel der Rose aufheben.

Mann (tritt ihn am Boden fest. Zu dem Beamten): Könnten sie nicht noch einmal eine Ausnahme machen? Ich wusste
nicht, dass man keine weißen Rosen verschenken darf.

Kleiner Beamter: Grüne Rosen!

Mann: Ich wusste nicht, dass man keine grünen Rosenverschenken darf. Schließlich wachsen sie so in der Natur…

Kleiner Beamter: Die Natur wird allgemein überbewertet.

Mann: Bitte… Ich…

Kleiner Beamter: Na gut. Ich werde keine strafrechtliche Verfolgung gegen sie einleiten. Aber ihr allgemeiner Kleidungsstil deutet doch sehr darauf hin, dass sie eine bunte Philosophie betreiben, die nicht im Einklang steht mit der Reinheit unserer zukünftigen Welt. Daher muss ich wirklich ihre Arbeitsnummern notieren. Zur Sicherheit. Für uns alle. Schließlich wollen sie doch nicht, von der schwarzen Seite für ihre Zwecke missbraucht werden, oder?

Mädchen: Wer ist das? Die schwarze Seite?

Mann (hastig): Nein, das wollen wir nicht.

Kleiner Beamter: Die schwarze Seite ist das Böse in der Welt.

Mädchen: Da hat sie aber ziemlich viel zu tun.